Hildesheimsamo.fa Story

„Begegnungen können ein Schlüssel sein, der die Tür zu einem friedvollen Miteinander öffnet“ – Interview mit Ghaylan Aldreiss

By 6. März 2017

Der in Deutschland lebende Syrer Ghaylan Aldreiss engagiert sich mit zahlreichen Projekten für Toleranz gegenüber Geflüchteten. Im Interview mit der lokalen samo.fa Koordinatorin aus Hildesheim, Nora Stein, und Praktikantin Cigdem Kaplan erzählt der Journalist über seine Flucht vor dem Islamischen Staat, den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland und wo man noch aktiv werden könnte, um die Situation der Geflüchteten zu verbessern.

Was hat dich dazu bewegt, hier in Hildesheim aktiv zu werden?

Ich habe gemerkt, dass viele Deutsche Angst vor Flüchtlingen haben und keine genaue Vorstellung davon, wer „die Flüchtlinge“ sind. Ich denke, es ist sehr wichtig, aktiv zu sein. So kann ich ein gutes Beispiel für Flüchtlinge und Deutsche sein. Außerdem ist es auch mein Beruf, denn ich bin Journalist. Als Journalist habe ich die Aufgabe, Botschaften zu senden über Syrien und das Leben hier in Deutschland. Und ich muss auch über die Leiden meiner Landsleute sprechen. Was passiert in Syrien? Wie leben die Menschen dort? Und wie können die Menschen dort mit der Bedrohung durch den Terrorismus leben? Ich muss den Menschen dort auch durch meine Tätigkeit hier helfen.

Möchtest du uns ein wenig über deine Arbeit in Syrien erzählen?

Ich war Fernsehmoderator und hatte eine Sendung über arabische Kulturen. In meinem letzten Jahr plante ich eine Sendung über die Mentalität des Islamischen Staates (IS). Davon hat der IS mitbekommen und mich dann bedroht und angegriffen. Sie haben mein Haus in Al-Hasakah in Brand gesetzt und auf meinen Bruder geschossen. Als sie drohten, meine Familie umzubringen, habe ich die Sendung aufgegeben. Dann habe ich mich entschieden, Syrien zu verlassen. Seitdem bin ich hier.

Seit wann genau bist du in Deutschland?

Seit September 2015. Dann habe ich bis Januar 2016 in einer Notunterkunft in Sarstedt gelebt und anschließend in einer Gemeinschaftsunterkunft. Jetzt bin ich seit Juni in Hildesheim und habe im September 2016 meinen ersten Integrationskurs gestartet.

Wie sind deine Erfahrungen seit du in Deutschland bist?

Ich habe sehr viel Glück gehabt und viele gute Menschen getroffen. Zum Beispiel habe ich eine Journalistin in der Notunterkunft kennengelernt, die mich sehr unterstützt hat, Silke Heun. Sie hat mir auch geholfen, einen Praktikumsplatz bei Radio Tonkuhle in Hildesheim zu bekommen. Hier bei Radio Tonkuhle habe ich vor allem durch Thomas Muntschik viel Unterstützung bekommen. Ich habe ein Programm gemacht, das „Tote Reise“ hieß, über Flüchtlinge und ihre Fluchtgeschichten. Was passiert auf der Flucht und wie fühlen sich die Flüchtlinge hier in Deutschland? Zum Beispiel nach den Vorfällen in Köln, welche Auswirkungen hat das auf sie? Wie leben sie in den Not- und Gemeinschaftsunterkünften? Ich hatte das Glück durch dieses Praktikum sehr viele Menschen kennenzulernen. Ich glaube, das hat mir dabei geholfen, schnell Deutsch zu lernen. Ich habe auch in der Zeitung, Facebook oder im Fernsehen davon gehört, dass es schlechte Deutsche gibt, aber selber getroffen habe ich noch keinen. Ich habe von anderen Flüchtlingen gehört, dass sie schlechte Erfahrungen gemacht haben und diskriminiert oder beleidigt wurden. Zum Beispiel wurde einer Frau mit Kopftuch, die mit ihren Kindern in der Stadt unterwegs war, aus einem Auto heraus von zwei Männern „Go home, Terrorist“ zugerufen. Aber ich denke, in jedem Land gibt es gute und schlechte Menschen. Auch in Syrien.

Was denkst du treibt Menschen mit solchen Gedanken an?

Ich glaube, ein großes Problem ist die fehlende Bildung und Aufklärung, wodurch Vorurteile entstehen. Es ist wichtig, nicht nur in schwarz und weiß zu denken. Außerdem glauben viele Leute, dass Flüchtlinge hierher kommen, um auf Kosten der deutschen Steuerzahler*innen zu leben. Sie sehen nicht all das, was die Menschen mitbringen und zu der Gesellschaft beitragen. Und je schneller wir hier arbeiten können, desto schneller können wir hier auch Steuern zahlen. Langfristig werden wir dadurch Deutschland helfen. Auch dadurch, dass wir mehr Kinder bekommen, helfen wir Deutschlands Wirtschaft. Viele Menschen verallgemeinern außerdem und schließen darauf, dass wenn ein paar Syrer*innen oder Flüchtlinge schlimme Dinge tun, wir alle so sind. Wie zum Beispiel nach dem Vorfall in Berlin, als syrische Jugendliche einen Obdachlosen angezündet haben. Das war beschämend. Doch warum werden nur wir Muslim*innen „Terroristen“ genannt und wenn Deutsche etwas Schlimmes tun, sind sie nur verrückte Einzelgänger?

Niemand hat sein Land verlassen ohne Grund. Ich zum Beispiel war schon vor dem Krieg viel im Ausland, habe in den USA und England gelebt. Aber ich bin immer zurückgegangen, denn Syrien ist meine Heimat. Aber gerade kann ich nicht zurück, weil dort Krieg herrscht. Und wenn ich geblieben wäre, dann wäre ich jetzt wahrscheinlich tot. Alle Flüchtlinge haben ihre Gründe hier zu sein. Und daran sollten wir immer denken.

Welche Rolle spielen die Medien?

Die Medien spielen eine sehr wichtige Rolle. Sie stellen Muslim*innen oft als Terrorist*innen dar und berichten selten über die Leiden, die Muslim*innen weltweit erleben. Aber der Islam ist eine sehr friedvolle Religion. Der Terror ist nicht der Islam. Aber viele schlechte Menschen nutzen den Islam und andere Religionen für ihre eigenen Zwecke. Medien sind auch Unternehmen mit eigenen finanziellen und politischen Interessen.

Und nutzt du deine journalistische Arbeit, um darüber aufzuklären?

Bisher habe ich schon fünf Vorträge gehalten, im Landkreis Hildesheim, aber auch z.B. bei Verdi und der Telekom in Hannover. Außerdem wurde ich von Ministerpräsident Stephan Weil zur 4. Integrationskonferenz am 6. März in Hannover eingeladen. Dort werde ich an einer Podiumsdiskussion zum Thema  „Herausforderungen, Erlebnisse und Erfolge – Bürgerschaftliches Engagement in Niedersachsen“ teilnehmen. Vielleicht kann ich dadurch Menschen aufklären.

Außerdem plane ich eine Ausstellung. Ich habe viele Bilder gesammelt über die Flucht von Menschen. Was ist passiert auf ihrer Flucht? Wie sind sie nach Deutschland gekommen? Das will ich in der Ausstellung hier in Hildesheim und hoffentlich auch in anderen Städten zeigen.

Ich plane ein neues Radioprogramm, das „Die weiße Hand“ heißt. Dabei wird es um Deutsche gehen, die in der Flüchtlingsarbeit aktiv sind. Ich habe einfach gemerkt, dass viel zu wenig Programme in den Medien gibt, die über die engagierten Menschen berichten. Und ich hoffe, diese Menschen können so von ihrer Arbeit erzählen und zeigen, dass Flüchtlinge ganz normale Menschen sind.

Es ist ja auch eine Art der Anerkennung für deine Arbeit, wenn du bspw. von Ministerpräsidenten Weil eingeladen wirst. Hast du noch andere Anerkennung oder Ehrungen bekommen?

Nicht wirklich, aber das ist für mich auch nicht wichtig. Mir geht es darum, eine Botschaft zu senden und Menschen dadurch zu motivieren. Letztes Jahr hat auch eine Gruppe von Künstler*innen meine Geschichten gesammelt und sie hier in Hildesheim in einem Theater vorgelesen. Ich habe zudem einen Blog, der das „Das rettender Ufer“ heißt, auf dem ich weitere Geschichten von Flüchtlingen sammle. Momentan bin ich jedoch auf der Suche nach einem neuen Partner, der meinen Blog unterstützt.

Kannst du etwas zu deiner Erfahrung mit dem samo.fa Projekt sagen?

Mit samo.fa bin ich sehr glücklich. Ich habe durch dieses Projekt viele neue Menschen kennen gelernt – Deutsche und mehr! In diesem Projekt gibt es viele Menschen mit eigener Migrations- und Fluchtgeschichte und wir teilen diese Erfahrungen miteinander. Dadurch entsteht eine Verbundenheit. Ich versuche aber auch anderen Menschen und Flüchtlingen zu helfen, zum Beispiel beim Jobcenter, bei der Wohnungssuche oder bei Übersetzungen.

Wie könnten wir euch Ehrenamtliche und Geflüchtete noch besser unterstützen?

Die Brücke der Kulturen Hildesheim e.V. ist so ein tolles Projekt. Schon der Name allein. Eine Brücke hat zwei Seiten und wir begegnen uns in der Mitte. Das bedeutet, wir müssen aufeinander zugehen und ein Interesse aneinander zeigen. Zum Beispiel kochen syrische Frauen sehr gerne und sehr gut. Wenn wir Veranstaltungen planen, können sie dazu beitragen, indem sie das Essen vorbereiten. So lernen sie darüber Deutsche kennen. Diese Begegnungen können ein Schlüssel sein, der die Tür zu einem friedvollen Miteinander öffnet.

Es wäre außerdem wichtig, durch Dialog und Aufklärung Brücken zwischen Menschen zu schaffen. Dafür benötigen wir einen leichteren Zugang zu Sprachkursen. Zum Beispiel könnten mehr Ehrenamtliche Sprachkurse anbieten. Außerdem sollte es mehr Angebote wie Integrationskurse und Workshops geben. Zum Beispiel sollten Frauen darüber aufgeklärt werden, welche Rechte sie hier in Deutschland haben. Vielen Frauen fehlen diese Informationen. Genauso Informationen zum Thema Kinderrechte. Und vielleicht sollte es auch gemischte Kursen geben, in denen Flüchtlinge und Deutsche gemeinsam miteinander und voneinander lernen.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Danke euch auch. Danke vor allem an die vielen engagierten Menschen, die sich für uns einsetzen. Ich hoffe, dass ich auch weiterhin Gutes für Deutschland tun kann.

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